Die Geweihfunde aus Bilzingsleben, Ausgrabungen 1969 - 1993
Jürgen Vollbrecht *

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Zusammenfassung

Gegenstand der detaillierten Untersuchung waren 2820 Geweihreste von der altpaläolithischen Ausgrabung Bilzingsleben (Ausgrabungen 1969-1993), Thüringen / Deutschland. Die zwei Hauptziele waren:

  1. Annäherung an taphonomische Aspekte
  2. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Hypothese über anthropogene Modifikationen am Geweihmaterial.

Die Grundlage bildet eine detaillierte morphologische Beschreibung des geweihmaterials. Voraussetzung dafür war die Übertragung der Herkunftsdaten auf ein einheitliches xy- Koordinatennetz.

Die taphonomischen Aspekte umfassen die relative Häufigkeit von Geweihelementen, Annäherungswerte für einen Minimumbestand an repräsentierten Tieren, Altersstruktur, saisonales Vorkommen und, soweit der Zustand der Geweihe dies zuließ, eine Klassifikation der Oberflächenerhaltung, sowie Ermittlung der vorliegenden Größenklassen und der räumlichen Verteilung der Funde.

Die Geweihfunde, dem Anschein nach überwiegend von Rothirschgeweihen stammend, bestehen überwiegend aus kleinen, meist Sproßelementen. Ungefähr ein Viertel der Funde messen mehr als 150mm. Untere Stangen sind häufiger vertreten als Teile von den oberen Stangen, z.B. der Kronen. Die numerische Erfassung und Bewertung des Geweihmaterials zeigt, daß mit Ausnahme eines einzigen Stückes unvollständige Geweihe repräsentiert sind, was sytematische Zusammensetzungen bestätigten.

Nach der Zusammenpassung der schädelechten Geweihe war es möglich, die Mindestzahl an repräsentierten verendeten Tieren auf 150 zu bestimmen. Vorläufige Auszählungen des postcranialen und cranialen Cervidenmaterials weisen hingegen auf ca. 70 Tiere. Hinzu kommen Fragmente zahlreicher Abwurfstangen. Eine absichtliche Anhäufung von Geweihmaterial durch den frühen Menschen kann nur dann als Grund für die Unverhältnismäßigkeit der genannten Zahlen akzeptiert werden, wenn nicht- anthropogene Akkumulationsvorgänge ausgeschlossen werden können. Tatsächlich aber deutet der Zusammenhang zwischen Sedimentmächtigkeit und maximaler Geweihhäufigkeit, zumindest für Funde, die kleiner als 120mm messen und aus dem Schwemmfächer stammen, darauf hin, daß fluviale Akkumulation als ein wahrscheinlicher Faktor in der Entstehungsgeschichte dieses Landschaftsausschnittes in Betracht zu ziehen ist. Darüber hinaus deutet die Mischung ein- und zweiseitig abradierter Funde auf ein Folge wechselnder fluvialer Einflüsse. Weitere Untersuchungen sind für das Verständnis der site formation Prozesse von Nöten. Ohne sie haben Aussagen zum zahlenmäßigen Bestand, zur Altersstruktur und Saisonalität wenig Bedeutung für die Rekonstruktion menschlicher Beiträge zur Geweihakkumulation.

In Bilzingsleben wurden bisher 30 hominide craniale Fragmente gefunden. Die große Zahl von Steinartefakten weisen auf eine intensive menschliche Präsenz. Dennoch kann das zerbrechen von Geweihen, der bei weitem wichtigste Grund für die Geweihfragmentation in viele Teile, nicht zweifelsfrei menschlicher Aktivität zugeordnet werden. Ursachen nicht- menschlicher Aktivität, wie Sedimentdruck und zertrampeln durch große Tiere müssen in Betracht gezogen werden. Austrocknen ist für den zerfall der Cervidenschädel mit schädelechten Geweihresten verantwortlich. Die Zerstörung der Geweihe durch Naturvorgänge muß auch im Zusammenhang mit der tatsache gesehen werden, daß nur fünf aller Geweihfunde Gebrauchsspuren aufweisen. Auf Grund aller angestellten Betrachtungen läßt sich die Hypothese der anthropogenen Modifikation des Geweihmaterials nicht aufrecht erhalten.

So lange das letzte kleine Stück der Uferterrasse, größere Teile des Pflasters und Teile des Schwemmfächers, sowie des Seeufers erhalten bleiben bietet sich für zukünftige Ausgrabungen am Fundplatz die faszinierende Möglichkeit, sich auf die Untersuchung der site formation Prozesse zu konzentrieren.

Inhalt



* Dr Jürgen Vollbrecht
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